Meister Koi und die Kaulquappe
Der Teich lag still im Mondlicht, als sich die kleine Kaulquappe zum ersten Mal aus dem Schutz der Lotusblütenblätter wagte. Neugierig schwamm sie hinaus in die weite Dunkelheit. Der Teich schien grenzenlos zu sein, ein ganzes Universum – ohne Anfang und ohne Ende.
Alles hier war neu für die kleine Kaulquappe: das dumpfe Flüstern des Wassers, die vielen großen und kleinen Steine am Grund, das Leuchten des Vollmondes, das durch die Wasseroberfläche schien und die Ranken der Unterwasserpflanzen zum Schimmern brachte.
Voll Neugier und Entdeckergeist folgte sie ihrem Staunen, bis sie eine große weiße Gestalt erblickte, die schwerelos im Wasser zu schweben schien. Mit klopfendem Herzen versteckte sie sich hinter einem großen Stein und schaute vorsichtig hervor.
„Komm ruhig zu mir, kleine Kaulquappe“, sagte der Riese.
Seine Stimme klang warm, einladend und irgendwie weise – auch wenn die kleine Kaulquappe nicht wirklich wusste, was weise eigentlich bedeutete.
Vorsichtig schwamm sie näher und bestaunte seine im Mondlicht schillernden weißen Schuppen von allen Seiten. Er war wunderschön.
„Wer bist du?“, fragte die kleine Kaulquappe zögerlich. Doch statt einer Antwort stiegen nur ein paar Luftblasen aus dem Maul des Kois empor.
„Wer bist du?“, fragte sie noch einmal. Wieder nur ein paar Luftblasen, die an der Wasseroberfläche platzten und kleine, runde Wellen über das Wasser schickten, die immer größer wurden, bis sie sich im Unendlichen verloren.
Schließlich schwieg auch die Kaulquappe. Sie beobachtete, wie der große Koi ruhig atmete, wie sein Körper still im Wasser lag, als wäre er untrennbar mit allem verbunden. Als gäbe es keine Grenze zwischen ihm, dem Wasser und allen Dingen.
Dann schloss auch sie die Augen und gab sich der Stille hin.
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