Ein Leben in Freude

Teisho: Zen-Meister Hinnerk Polenski - YIN ZEN Seminar „Mut fassen, den Weg des Herzens zu gehen“ im Mai 2015

Ein Leben in Freude
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Der Raum in seiner unendlichen Weite ist reine Freude.

Ihr habt von Anfang an gelernt, dass Freude stattfindet, wenn irgendetwas Angenehmes passiert. Unheilsame Menschen empfinden Freude sogar, wenn etwas Unangenehmes geschieht. Ihr habt also das Verständnis erlangt, dass Freude in Euch stattfindet. Ihr verknüpft diese Freude mit Eurem Ich und Dingen, die Euer Ich freudvoll findet.

Freude ist unabhängig von Euch und Dingen im Außen

Dabei ist Freude etwas, das vollkommen unabhängig ist von Euch. Freude ist ewig. Freude ist alles. Freude ist wie der unendliche Raum. Im Bild der Meister gesprochen bedeutet das: reiner Geist ist ewig, frei und rein. Der Mensch mit reinem Herzen, der diese Freude spürt, ist jemand, der in diesem unendlichen Raum eine goldene Sonne wahrnimmt. Wird diese Herzsonne auf dem Weg des Zen verwirklicht, wird sie oder er selbst zur Sonne. Für sich und alle Menschen. Dies ist der Weg zu dem Yin Zen, der weibliche Weg, führt. Im Bild der Meister gesprochen heißt das, dass der Buddha in seiner endlicher Weite zur Sonne wird, um den Menschen zu dienen.

Aber auch jeder Mensch, der Freude sehen und spüren kann, erblickt eine Sonne, die sich in den Dingen, in Euch Menschen, in allem reflektiert. Im Bild der Meister heißt das: die Sonne, die sich im Tee spiegelt. Das bringt Euch dazu, den Weg zu beginnen.
In dem Maße aber wie Ihr diese Freude mit Eurem Ich, mit Eurem Denken und Euren Vorstellungen verbindet, umso weniger wird sie nicht einmal mehr ein trübes Spiegelbild der Sonne sein.
Die Freude ist dann etwas Vorgestelles, eine Illusion, eine Einbildung, die entsteht, wenn einer einen Witz erzählt, man sich über jemanden lustig macht oder sich über andere erhöht oder was auch immer unternimmt, um sich in diesem Moment besser zu fühlen oder wichtig zu machen. Diese Freude trägt nicht, sie hat keine Substanz, sie berührt nicht unser Herz.

Wie kann es sein, dass die Freude unabhängig ist von Euch selbst? Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass die ganze Welt, das Geschenk des Lebens selbst, in seiner Essenz reine Freude ist. Und dieses Leben, also diese Freude ist ewig und unabhängig von Eurem Sein, Eurer Geburt und Eurem Tod.

Die Brahmaviharas – die 4 göttlichen Verweilungen

Die Freude ist wie eine Farbe, ein Spektrum der großen Liebe des Herzens. Dieses Spektrum stellen die Brahmaviharas dar. Das sind die 4 göttlichen Verweilungen. Die erste heißt Güte, eine innere, ausstrahlende Gewogenheit, ein Feld, das hell und golden leuchtet. Die zweite Verweilung bedeutet Liebe, die aktiv, zugewandt, unterstützend, schaffend und behütend wirkt. Die dritte ist die Mitfreude, wobei ihre höchste Form die Freude an der Schöpfung ist. „Freude schöner Götterfunken“. Die Freude ist die Schöpfung selbst, ein Licht. Die vierte Verweilung heißt Gelassenheit. Das alles bedeutet Freiheit.
Diese Brahmaviharas, diese 4 göttlichen Verweilungen sind vollkommen unbedingt und unabhängig vom allem, denn sie sind immer da.
Ihr Menschen habt stets die Wahl. Ihr habt die Möglichkeit, Euch Dingen zuzuwenden. Diese Intention, diese willentliche Ausrichtung nennt man Samskara. Durch Eure Geburt, durch die Verwirrung Eurer Eltern, Lehrer und der Gesellschaft um Euch, kamen auch Eure Willensregungen durcheinander.

Durch Zen zum eigenen Wesenskern vordringen

Der Zen-Weg ist ein kurzer Weg, der durch Meditation und Innehalten versucht, die Hindernisse und Verwirrungen zu durchdringen, um wieder zu diesem Wesenskern vorzudringen, der Euch allen zur Verfügung steht. Dieser Wesenskern ist unabhängig von Geburt, Krankheit, altern und Tod. Er ist die Essenz des unendlichen Raumes.

Der Weg zum Herzen beginnt mit Stille

Dieser Wesenskern ist die Essenz, die man Sambhogakaya nennt. Das ist die Herzebene und der Weg dorthin ist grundsätzlich einfach. Der Weg zur Herzebene beginnt mit der Stille. Zuerst wird der Körper zur Ruhe gebracht. Das bedeutet, Du nimmst eine Form ein, die für Körper, Energie und Geist gleichermaßen ein Innehalten, ein zur Ruhe kommen, ein in seine Mitte gehen, bedeutet. Deshalb begibst Du Dich in die Sitzhaltung des Zazen.

Freude, Liebe, Güte und Gelassenheit erleben

Der Geist folgt durch Übung dem Körper. Und so gelangt Ihr früher oder später in das Nicht-Denken, das Anhalten des sich verstrickenden, wirbelnden, zwanghaften Denkens, Bewertens und Verzettelns. Am Anfang ist das oft schwierig und tiefgehend. In dem Maße, in dem Ihr dem echten Wesenskern in Euch begegnet wird es heller. Dann erlebt Ihr schließlich diese Freude, diese Liebe, diese Güte und auch diese angenehme Gelassenheit.

Der Zen-Weg ist einfach

Das ist der Weg. Er ist einfach, setzt aber bei Übenden Eigenschaften voraus, die für Menschen unserer Zivilisation häufig schwierig sind. Diese Eigenschaften heißen Vertrauen, Ausdauer und Wille im Sinne von Ausrichtung auf das Heilsame. Heutzutage sagen viele Menschen: „Das ist doch gut. Dann mache ich das. Was muss ich tun?“ Ich sehe dem einen in die Augen und sage: „Sitze jeden Tag 2 Stunden.“ Dann sehe ich dem anderen in die Augen und sage: „Sitze jeden Tag 18 Stunden.“ Spätestens dann steigen die meisten aus.
Schon in alter Zeit gab es auch hier im Allgäu Klöster. Die Menschen sind in ein Kloster gegangen und haben sich 24 Stunden pro Tag Gott gewidmet. „Du hast uns zu dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“ (Hl. Augustinus). Die Menschen haben sich damals nicht gefragt, ob 25 Minuten pro Tag ausreichen, und deshalb sind sie auch angekommen.
Das ist also der Zen-Weg und deshalb gibt es Sesshins. Kleine, also ein Wochenende lang zum Ausprobieren, und große, wo man eine ganze Woche lang einen Geschmack von dieser wunderbaren Helligkeit, die sich in einem öffnet, bekommt. Ein Teil von Euch kann diesen Weg frei gehen.

Hindernisse überwinden und sich auf das Heilsame ausrichten

Dennoch haben die Alten schon vor langer Zeit festgestellt, dass es auf dem Weg einige Hindernisse zu überwinden gibt. Shakyamuni Buddha, also der Buddha selbst, der Begründer des Zen und des Mahayana Buddhismus, sagt, das Kernproblem ist, dass Menschen allesamt krank sind. Diese Krankheiten heißen Gier, Hass, Verblendung und Verstrickung. Diese Krankheiten führen zu immer weiter folgenden Taten und Verstrickungen, die am Ende alle leidbehaftet sind.
Das Ausrichten auf das Heilsame ist der Weg, der schon seit dieser alten Zeit existiert. Weise haben mit dem Ende des ersten Jahrtausends nach Christus in Tibet einen Weg entwickelt, der durch die berühmte Nalanda-Universität in Indien beeinflusst war.

Änderst Du Dich, dann ändert sich Deine Welt

Manche Menschen, die immer wieder mit speziellen Herausforderungen konfrontiert werden, kommen früher oder später immerhin soweit und erkennen, dass die Herausforderung nicht ihr Gegenüber ist. Herr Müller, oder der Chef oder die Gesellschaft ist also nicht der Böse oder verantwortlich für das eigene Leiden.
Um diesen Punkt kommt Ihr nicht herum. Wenn Ihr merkt, dass Ihr immer wieder in die gleiche Beziehung geht, dass immer das gleiche Leid verursacht wird oder Ihr immer wieder die gleichen Dinge erlebt, die schmerzhaft sind, dann haltet inne. Fragt Euch, ob Ihr selbst es seid, der sich ändern kann. Vielleicht gibt es dort eine Lösung, eine Transformation, und das heißt nicht, dass jemand schuld oder unschuldig ist, denn das ist nicht der Fall.

Leidhafte Situationen verändern und auflösen

Es geht darum zu verstehen, dass die Veränderung einer leidhaften Situation dadurch entsteht, dass sich der eigene Geist nicht nur verändert, transformiert und weitet, sondern dieses Thema sogar ganz auflöst. Dies ist die Voraussetzung für Glück. Für ein Glück, das unabhängig ist von den Dingen, die Ihr im Außen festmacht.
Das bedeutet, dass Ihr möglicherweise auf Eurem leichten Weg, für den Ihr eigentlich nur Ausdauer braucht, irgendwann spürt, dass er verstellt ist.

Hindernisse erkennen

Wenn Ihr übt und Euch in der Welt auf Heilsames ausrichtet, hört Ihr vielleicht eine Stimme, die sagt „Wieso Glück? Glücklich ist nur der, der leistet. Wieso Liebe? Geliebt wird nur der, der in dieser Welt etwas bewegt. Nur wer leistet, wird geliebt! Wer bestimmte Anforderungen erfüllt, bekommt bestimmte Belohnungen.“ Das sitzt bei vielen Menschen tief.
Andere Menschen sind so sehr in ihrer Aggressivität sich selbst und anderen gegenüber verhaftet, dass zwar die Sehnsucht nach Erlösung immer wieder aufleuchtet, aber manchmal selbst im Sitzen so eine Unruhe in einem entsteht, dass man zu sich sagt, „Was ist das hier für ein Mist! Was ist denn das für ein Seminarleiter! Was sind denn das für Mitsitzende?“ Wieder andere denken, sie sind eigentlich schon viel zu weit und haben bereits alles und trotzdem umfasst sie das Leid vollkommen. Das sind Beispiele für kraftvolle Hindernisse, die diesen leichten Weg des Zen schwer machen können.
So haben die Weisen einen Weg entwickelt, bei dem für eine Zeit lang das Höchste das Ihr seid, das Höchste, das jeder von Euch ist, also das Herz, die Liebe, die Güte, die Freude, die Freiheit nach außen zu lagern. So kann dann ein Weg von einem selbst zu diesem Außen entwickelt werden, der diese Hindernisse auflöst. Dieses Außen ist dann ein Buddha.

Mit den heilsamen Feldern der Dhyani Buddhas Hindernisse auflösen

Es gibt keine Buddhas um Euch herum, das dürft Ihr nicht falsch verstehen. Jeder Buddha, der als Figur hier im Kloster steht, ist eine Manifestation eines Ideals, nämlich des Höchsten in Euch selbst.
So entstand die Lehre der Dhyani Buddhas, die ihren Ursprung in alter Zeit, in der Universität Nalanda hat, im 8./9. Jhdt. nach Tibet und später als Mykkio nach Japan gelang. Diese Strömungen erforschen wir hier im Daishin Zen, weil sie zutiefst heilsam sind.
Irgendwann kommt jeder, sowohl der Anfänger als auch der Fortgeschrittene, an den Punkt, seine Hindernisse aufzulösen.

Sich selbst im Weg stehen

Das können Hindernisse sein, die einen unmittelbar, direkt in der Welt beschweren. So kann es sein, dass man immer dann, wenn man dem Glück, der Liebe, dem Ankommen oder der Erfüllung begegnet, wie zwanghaft abbiegt und Dinge konstruiert, die in einem selbst oder außerhalb passieren, um das Glück zu verhindern. Meistens ist dann der Andere schuld, oder man glaubt, es selber nicht wert zu sein und das Glück nicht verdient zu haben.
Oder man begegnet Hindernissen, während man sitzt und Zazen übt. In der Meditation erlebt man eine Stille und aus der Stille entsteht eine Freude und plötzlich fühlt man eine kleine Angst oder eine Unruhe, die einen zwingt, aufzustehen und abzubrechen. Durch die Lehre der sogenannten Dhyani Buddhas ist es sehr leicht möglich, diese Hindernisse aufzulösen.

Transformation erlangen

Amida Buddha zum Beispiel ist der Dhyani Buddha, der in der Lage ist, das Gefühl der Unruhe in uns selbst, das Getrieben sein, zu transformieren und in Liebe zu öffnen.
Wie aus dem nichts springen immer wieder diese Wertungen und Programme in Euch an. Sie sagen Euch z.B. dass Ihr es nicht wert seid, geliebt zu werden. Ihr glaubt knallhart bleiben zu müssen und konstruiert Dinge, die es Euch nicht ermöglichen, in dieses unendliche Feld des Herzens, dieser Einheit, dieses Ankommens, dieses zu Hause seins, der Wirklichkeit des Wesens in Euch einzutauchen.
So Vieles ist in Euren Leben passiert und die Wirklichkeit, Eure Ego-Wirklichkeit, die man im Buddhismus als Illusion bezeichnet, sagt, das geht ja alles nicht. Sie gaukelt einem vor, dass man sich nicht ändern kann, denn sonst ist man nicht mehr so stark. Und so irren viele im Wahn umher, graben, konstruieren und suchen, sind rastlos oder resignieren, dabei ist alles da und liegt vor Euch.

Es ist alles da, jetzt.

Ihr aber sucht im Außen, genauer gesagt sucht Ihr im Außen mit Hilfe von Programmen, die keine Wirklichkeit haben. Sie bewirken scheinbar etwas in Kausalketten, aber nie im Großen. Mit diesen Programmen kommt Ihr niemals an.

Die 3 Schritte zur Freiheit

Ankommen könnt nur Ihr selbst. Der erste Schritt ist Stille, der zweite Schritt bedeutet Kraft und der dritte Schritt heißt Heilung. Der erste Schritt, die Stille, ist die Übung, die richtige Haltung, das Zazen. Der zweite Schritt bedeutet zu erkennen, dass es eine Kraftmitte in Euch gibt, eine Erdung. Diese Kraft ist unbegrenzt, freudvoll und durch Erdung mit dem Körper verbunden. Der dritte Schritt im kurzen, graden Weg des Zen bedeutet, sich mehr und mehr durch Samadhi, also Versenkung, in die Helligkeit und Freude fallen zu lassen. Das ist ein ganz einfacher Weg.

Der Weg zu tiefer Freude

Es kann aber auch sein, dass man nicht weiterkommt und zwar so etwas Wunderschönes in sich spürt, es aber nicht finden kann. Wenn das so ist, dann geht man mit Hilfe der Dhyani Buddhas weiter und zwar so lange, bis man selber ein Dhyani Buddha ist.
Dies ist ein Weg zu tiefer Freude. Diese Freude ist immer grundlos, weil sie unendlich, ewig und der reine Raum selbst ist.

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Quelle: YIN ZEN
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Autor: Claudia Petschnig
Veröffentlichung: 30. Juni 2015
Ressorts: News
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